Warum abschaffen, was 80% in der Grundschule
und 65% in der Sekundarschule wählen?

Eine Stellungnahme des Vorstands der Religionslehrer im postprimären Unterricht.

Bei der Diskussion, die die verschiedenen Schulreformen in den letzten Jahren begleitete, meldeten sich immer wieder Stimmen zu Wort, die diese Diskussion auf die Abschaffung des Religionsunterrichtes verengen wollen.

Bei dieser Sicht der Dinge, die als pädagogischer Fortschritt gepriesen wird, wird oftmals übersehen, was in einer pluralistischen, demokratischen Gesellschaft nicht übersehen werden dürfte:
Die ´Instruction religieuse et morale´ und die ´Formation morale et sociale´ sind Wahlfächer, d.h. jeder Schüler oder seine Eltern können frei entscheiden, welches der beiden Fächer besucht wird; ein durchaus demokratisches Prinzip.

Es gibt also einen Werteunterricht, der nicht religiös ausgerichtet ist und als Alternative zum Religionsunterricht von jedem besucht werden kann, der es möchte. Es drängt sich die Frage auf: Ist es gerade diese Entscheidungsfreiheit, die manchen Verteidigern der Gewissensfreiheit so viele Sorgen bereitet? Sind tausende von Schülern bzw. ihre Eltern auf dem Holzweg?
Sprechen die Fakten und Zahlen nicht doch eine deutliche Sprache, welche Respekt verdient?
Mit welcher Legitimierung soll den Eltern und Schülern, die eine religiös motivierte Wertevermittlung wünschen, die Berechtigung ihres Anliegens in der Öffentlichkeit verweigert werden? Im Namen der Demokratie, der Meinungsfreiheit?

Wir leben in einem pluralistischen Staat, in dem viele gesellschaftlich relevante Gruppen und Institutionen an dem Gestaltungsprozess unseres Gemeinwesens und seiner Einrichtungen beteiligt sind. Dazu gehört auch die Luxemburger Kirche. Eine abstrakte staatliche Neutralität gibt es nicht, auch nicht in ethischen Fragen.
Die katholische Kirche steht in diesem Falle für die Vermittlung christlicher Werte welche in keiner Weise in Widerspruch zur kulturellen Vielfalt, den demokratischen Prinzipien und den Weltreligionen insgesamt, stehen. Den Religionsunterricht von gestern gibt es so nicht mehr.

Der Religionsunterricht von heute beschränkt sich nicht mehr auf katholische Dogmen oder Inhalte, er bietet dem Schüler die Möglichkeit, seine Person mit den Sinnangeboten verschiedener Kulturen, Religionen und Weltanschauungen zu konfrontieren. So kann er sich eine eigene Überzeugung in spirituellen und moralischen Fragen bilden. In einer globalisierten Welt ist der Dialog der Religionen und Kulturen notwendig. Es bedarf neben notwendigem Wissen um die eigene Tradition auch der Kenntnis von anderen Religionen und Weltanschauungen.

Unsere Programminhalte werden in den, wie auch in andern Fächern üblich, staatlichen Programmkommissionen gestaltet und nicht vom Bistum, wie so manche glauben. Die Programme und das Selbstverständnis des Religionsunterrichtes sind auf der offiziellen Internetseite des Unterrichtsministeriums veröffentlicht und für jeden einzusehen unter www.men.lu.

Außerdem: Wenn wir pluralistisch und multikulturell sein wollen, dann sollten wir uns nicht fürchten, wenn Schüler einer anderen Religionszugehörigkeit ihren Anspruch auf Religionsunterricht an öffentlichen Schulen erheben. Rein organisatorisch ist das kein unüberwindbares Problem.
Was in unseren Nachbarländern seit längerem funktioniert, dürfte doch auch bei uns möglich sein.

28. September 2007