Neue Akzente
in der “Instruction religieuse et morale ”
im postprimären Unterricht

I. Bildung in postmoderner Zeit
II. Wissens- und Kompetenzförderung als Ziel der “Instruction Religieuse et Morale”
III. “Religions- und Moralunterricht” im weltanschaulich neutralen Staat
IV. Der dialogische Charakter des christlichen “Religions- und Moralunterrichtes ” in der öffentlichen Sekundarschule
V. Die Lehrkräfte der “Instruction Religieuse et Morale”

Die Konzeption des Religionsunterricht hat sich im Verlauf der letzten Jahre gründlich verändert, so dass man von einem Paradigmenwechsel sprechen kann.
Impulse kamen hierfür aus den Bereichen der Theologie und der Religionspädagogik , der Humanwissenschaften, der Akzentsetzung auf Kompetenzförderung innnerhalb der reformierten Lehrerausbildung am Cunlux wie auch der Reform des "cycle supérieur" durch das MENFP. Dem entsprechend versteht sich heutiger “Religions- und Moralunterricht” vorwiegend als Ort an dem Schüler sich Lebenskompetenzen erwerben können, insbesonders Wissen und Kompetenzen im Umgang mit spirituellen und ethischen Fragen. Dabei wird besonderer Wert auf die Fähigkeit zur Auseinandersetzung mit der christlichen Botschaft. gelegt.
Hierzu ein Beitrag der ReligionsleherInnen des postprimären Unterrichtes.

I. Bildung in postmoderner Zeit

Ein zeitgenössischer und umfassender Bildungsbegriff beschränkt sich nicht nur auf solides Faktenwissen und wissenschaftliche Kompetenzen. Er setzt sich selbst mit den Fragen des ethischen Umgangs mit Wissen und Wissenschaft auseinander.
Bildung muss darüber hinaus das Individuum in Zeiten der “reflexiven Moderne ” und der “Risikogesellschaft ”zur schwierigen Aufgabe der Gestaltung seiner selbst und zur eigenen Lebensgestaltung befähigen.
Sie umfasst ebenfalls die Befähigung, sich für den Sinn moralischen Handelns, die Kriterien ethischer Entscheidungen sowie die Gründe und Ziele der Lebensgestaltung zu entscheiden.
Eine Ethik ohne Rückgriff auf, so oder so beantwortete “letzte ” Gründe, Ziele, käme dem halbherzigen Versuch gleich, sich auf sozusagen anständige Weise um die eigentliche Frage zu drücken : ”Wer oder was ist der Mensch ? ”
Bildung beinhaltet deshalb eine reflexive Überprüfung eigener wie auch anderer Wirklichkeitskonstrukte. Welche Welt- und Menschenbilder haben welche Hintergründe und Auswirkungen ?
Diesen Fragen der Lebensgestaltung, der Begründung von ethischem Handeln und der Herausforderung dem Leben Sinn zu geben , geht das Fach “”Religions- und Moralunterricht” ” nach.

II. Wissens- und Kompetenzförderung als Ziel der “Instruction Religieuse et Morale” (IRM)

Die “IRM ” fördert bei Schülern die Kompetenzen, selbstständig spirituelle und ethische Fragen zu stellen und nach Antworten zu suchen.
Um sich heute selbstverantwortlich mit den komplexen Fragen des Lebens auseinanderzusetzen , braucht es

  • das nötige Wissen um ethische Entwürfe,
  • die nötigen Kompetenzen, ethische Entscheidungen zu treffen,
  • spirituelle Wurzeln als Sinn- und Hoffungshorizont,
  • das nötige Wissen bezüglich der verschiedenen eventuellen spirituellen Richtungen,
  • die Fähigkeit diese spirituellen, ethischen Gesichtspunkte mit humanwissenschaftlichen Erkenntnissen zu konfrontieren,
  • die Befähigung, in Wort und Tat, reflektiert Position zu beziehen,
  • die Kraft mit offenen Fragen umzugehen.

III. “Religions- und Moralunterricht” im weltanschaulich neutralen Staat

Wesentlich für das europäische Denken ist neben anderen Wurzeln auch das Christentum in seiner ihm eigenen Differenzierung. Die geistigen Strömungen, die unser Denken und unsere Lebensweise bis in die Gegenwart maßgeblich bestimmen, sollten nicht unbewusst bleiben. Zur Subjektwerdung eines Menschen ist es deshalb notwendig, sich auch mit kollektiven Wurzeln auseinanderzusetzen.
Für Gesellschaft und Staat ist es nicht irrelevant, dass das religiös-kulturelle Gedächtnis erhalten bleibt und die verschiedenen geistigen Strömungen zur Diskussion um die gesellschaftlichen Grundwerte beitragen.
Schule sollte sicher stellen, dass die spirituellen Wurzeln und der ethische Pluralismus als Reichtum unserer Gesellschaft bewahrt bleiben und nicht ein nivellierendes Einheitsdenken gefördert wird.

IV. Der dialogische Charakter des christlichen “Religions- und Moralunterrichtes ” in der öffentlichen Sekundarschule

Im Respekt vor ihrer Gewissensfreiheit haben die SchülerInnen in diesem Fach die Möglichkeit :

  • unter religiösen, philosophischen, ethischen und humanwissenschaftlichen Gesichtspunkten über Fragen der Lebensgestaltung und des Zusammenlebens nachzudenken, zu diskutieren und somit vernetztes Denken zu erlernen,
  • die individuellen Lebenserfahrungen und Existenzfragen mit den Sinnangeboten verschiedener Kulturen, Religionen und Weltanschauungen zu konfrontieren, um sich eine eigene Überzeugung in spirituellen und moralischen Fragen zu bilden ,
  • eine religiöse Bindung an den “ganz Anderen ” zu reflektieren und zu lernen, was für die christliche Beziehung zu Gott und zu den Menschen spezifisch ist,
  • den Sinn für die Artikulationskraft religiöser Sprache zu entwickeln,
  • die biblischen Texte im Dialog mit Lehrern und MitschülerInnen zu verstehen und zu interpretieren,
  • christlichen Glauben und die biblische Ethik aus der vergleichenden Perspektive anderer religiöser, weltanschaulicher und ethischer Traditionen zu reflektieren,
  • zu lernen mit dem kontrapunktischen Verhältnis von Glaube, Vernunft und ihrer gegenseitigen Herausforderung umzugehen. Die SchülerInnen können dabei auch ihre Fähigkeit entwickeln, menschliches Begehren und rationales Denken , Individualität und Universalität in Verbindung zu bringen,
  • sich gegenseitig für ethisches Handeln, den Einsatz für die Menschenrechte sowie das soziale Engagement für Gerechtigkeit, Frieden und umweltbewusste Entwicklung zu motivieren,
  • mit der Schwierigkeit umzugehen, dass philosophische, theologische, und ethische Aussagen auch immer hinterfragbare Wahrheiten darstellen,
  • mit Lehrkräften in Kontakt zu kommen, die sich bemühen konstruktiv-kritisch ihren spirituellen Weg zu gehen,
  • an einem Unterricht mit aktiven und interaktiven Methoden teilzunehmen , der zudem auf eine Didaktik aufbaut, welche die Wechselwirkungen zwischen Wissen, Gefühlen, Erinnerungen, Erfahrungen und Handlungen fördert.

V. Die Lehrkräfte der “Instruction Religieuse et Morale”

Die ReligionslehrerInnen stellen sich aufgrund:

  • ihrer wissenschaftlich theologischen Ausbildung an einer staatlichen bzw. staatlich anerkannten Universität,
  • ihrer pädagogischen Ausbildung am CUNLUX (“stage pédagogique ”),
  • der Teilnahme an Fortbildungen vom “Script ”,
  • der Erfahrungen mit ihrer eigenen Spiritualität,
  • ihres Auftrages im Rahmen eines kirchlich mitverantworteten “Religions- und Moralunterrichts ”in den Dienst einer differenzierten spirituellen und ethischen Kompetenzförderung bei den Jugendlichen.

Angesichts der angestrebten Förderung von Autonomie und Verantwortung bei den SchülerInnen, gilt den ReligionslehrerInnen im Sekundarunterricht als pädagogische Leitlinie eine Orientierung an plausibel erscheinenden Grundwerten und Sinnangeboten unter besonderer Berücksichtigung der christlichen Botschaft, über die der “Religions-und Moralunterricht” authentisch Auskunft geben will. Gleichzeitig fördern sie bei den Schülern das eigene kritisch-hermeneutische Vermögen über diese Werte, Sinnangebote und Glaubensauffassungen nachzudenken.

Sie arbeiten kontinuierlich in den staatlichen Programmkommissionen an der Entwicklung der Lernprogramme, um die gesteckten Ziele zu erreichen und den jeweiligen Erfordernissen einer sich im Wandel begreifenden Gesellschaft gerecht zu werden.

Sie sind sich der Herausforderungen durch die Einführung eines Koeffizienten für den Werteunterricht bei der Evaluation bewusst. Die Benotung bei Prüfungen bezieht sich lediglich auf die jeweiligen Lernziele bezüglich Fachwissen und transversale Kompetenzen (z.B. Argumentation, kritisch-hermeneutische Kompetenzen).

Mai 2003