Religionsunterricht in der öffentlichen
Schule
Vortrag von Hubert Hausemer
anlässlich der Rencontre interdiocésaine
des professeurs d’instruction religieuse et morale,
Medernach, 19.10.2002
0. Vorbemerkungen
I. Moralische Erziehung in der öffentlichen Schule:
Ja oder Nein?
II. Religiöse Erziehung in der Schule
III . Religionsunterricht in der öffentlichen Schule
IV. Schlussfolgerung
0. Vorbemerkungen
Ich habe dem Vortrag bei dieser Nachschrift bewusst seine mündliche
und schematische Form gelassen, um die Argumente dadurch besser hervorscheinen
zu lassen.
Was meine Person anbelangt: ich bin weder ausgebildeter Religionslehrer
noch Religionspädagoge, sondern Philosophie- und Französischlehrer,mit
allerdings einer langen Schulerfahrung und einer ebenfalls langen Praxis
als Lehrer der Laienmoral sowie als Amateurreligionslehrer.
Methode des Vortrags: Ich gehe vor in konzentrischen Kreisen, von außen
nach innen:
- (Moralische) Erziehung in der öffentlichen Schule
- Religöse Erziehung in der öffentlichen
Schule
- Religionsunterricht in der öfffentlichen Schule.
Dabei werden jeweils die Argumente pro und contra vorgestellt.
Was heißt Erziehung? Ich verstehe das Wort vorwiegend
etymologisch, vom lateinischen "educere" her, nämlich
e-ducere = herausführen d.h. aus der Unmündigkeit und Abhängigkeit
des Kindes und Jugendlichen in die Autonomie und Mündigkeit des
Erwachsenen; Hilfe zur (Selbst)Entfaltung und Einübung von Kompetenzen.
Moralische Erziehung besteht im Erwerb von moralischen Kompetenzen:
kognitive, emotionale, aktionale zum Umgang mit der materiellen und
menschlichen Umwelt sowie mit sich selbst.
I. Moralische Erziehung in der öffentlichen
Schule: Ja oder Nein?
CONTRA
- a) Erziehung ist eine private Angelegenheit:
- Familie
- weltanschauliche Gruppen (z.B. Kirchen...)
- Vereinigungen (z.B. Pfadfinder)
- b) Erziehung gehört nicht in den öffentlichen Bereich,
wie z.B. die Schule, denn diese soll weltanschaulich und ethisch neutral
sein (cf. Trennung Kirche - Staat, Laizität). Erziehung in der
öffentlichen Schule liefe hinaus auf Bevormundung, Erziehungsdiktatur,
Meinungsterror.
- c) Pädagogischer Einwand: Schule ist kein Ort für
moralische Erziehung, denn Auftrag der Schule = Wissensvermittlung,
an einem bestimmten Ort (Klassen, Bänke) und durch Leistung (Benotung,
Diplome) und Konkurrenz, welche nicht günstig sind für Erziehung.
PRO
- Ad a) Betrachtung der gesellschaftlich-kulturellen
Situation:
- Pluralismus = Problem für die Gesellschaft und den Einzelnen:
denn kein gesellschaftlicher Zusammenhalt ohne gemeinsame Grundwerte,
aber woher sollen sie kommen?
- Toleranz ist vonnöten; aber,
Toleranz ist nicht Skepsis, Indifferenz, Dulden oder Gewährenlassen;
Toleranz = Achtung vor der Andersheit des Andern
das wiederum setzt ein starkes Ich mit eigenen Überzeugungen
voraus, aber woher soll en sie kommen?
- zugleich: Schwäche und Rückgang der Institutionen,
die bisher den moralischen Zusammenhalt und einen Teil der Erziehung
vermittelten: Familie, Kirchen, Verbände usw.
hier spielt das sog. 'Böckenförde-Paradox' mit hinein:
der Staat braucht Werte, Regeln, Haltungen und Gesinnungen, die
er selber nicht gewährleisten kann; von da her entsteht ein
gefährliches Defizit.
Erziehung kann also nicht völlig aus der Schule herausgehalten
werden.
- Ad b) Weltanschauliche Neutralität des Staates
- der Staat ist nicht und kann nicht weltanschaulich total neutral
sein: unsere Verfassung enthält eine Reihe von u.a. moralischen
Werten, die Einhaltung der Gesetze kann nicht nur durch polizeiliche
oder poenale Gewaltandrohung garantiert werden: eine gewisse Werteerziehung
ist nicht nur nicht unvereinbar mit der Neutralität des Staates,
sie ist sogar davon gefordert
- nicht von ungefähr nennt sich in Luxemburg das zuständige
Ministerium: Ministère de l'Education
Nationale, und nicht de l'Instruction...
- auch die Trennung von Kirche und Staat bedeutet nicht unbedingt,
dass es zwischen Kirche(oder andern 'familles spirituelles') und
dem Staat keine Konsultationen, Zusammenarbeit und Beiträge
geben kann bzw. darf. Diese Trennung besagt nur, dass Kirchen
usw. bei politischen Entscheidungen kein Stimmrecht
haben, die Souveränität liegt beim Volk bzw. den Volksvertretern.
Insofern ist eine u.a. finanzielle Unterstützung vonseiten
des Staates für weltanschauliche, als gemeinnützig angesehene
Gemeinschaften nicht undenkbar.
- Ad c) Schule und moralische Erziehung
- die Schule ist vielleicht kein günstiger Ort für
eine solche Erziehung, aber:
- Erziehung geschieht sowieso in der Schule, durch
- schuleigenen Ordnungsrahmen(règlement d'ordre intérieur)
- durch Einfluss der Lehrer
- durch Thematisierung moralischer Fragen in bestimmten Fächern,
z.B. Literatur, Gemeinschaftskunde, Philosophie usw.
- durch außerunterrichtliche Aktivitäten (Schulfeste,
Ausflüge, Projekte). Wenn also dem so ist, dann wäre
es doch besser, diese ± unthematische Erziehung zu thematisieren,
reflektieren, kontrollieren.
- Hinzu kommt, dass die Schule doch wohl auch den Auftrag hat,
den gesamten Menschen zu bilden, seine gesamte
Identität, und nicht nur den Kopf.
Schlussfolgerung:
Ja zur moralischen Erziehung in der Schule, aber auf schulgerechte
Weise (was auch heißt, dass es nicht nur eine
Weise der moralischen Erziehung gibt).

II. Religiöse Erziehung in der Schule
Was könnte religiöse Erziehung überhaupt sein? = Entfaltung
und Einübung von religiösen Kompetenzen (kognitiv, emotional,
aktional), diese überschneiden sich sicher zum Teil mit moralischen
und ethischen Kompetenzen, aber es braucht dazu mehr ais diese letztgenannten
Kompetenzen, sondern:
- Sensibilität und deshalb Sensibilisierung für spirituelle
Fragen überhaupt, für Heilsbedürftigkeit, für
den Geschenkcharakter des Lebens und aller Dinge
- aber dann auch mehr als 'nur' Sensibilität, nämlich Kompetenzen,
wobei auch hier wiederum Erziehung im Sinne von e-ducation zu verstehen
ist
aber: hat das alles etwas in der öffentlichen Schule zu suchen?
CONTRA
- zuerst: dieselben Argumente wie gegen moralische Erziehung (und
dieselben Antworten)
- zusätzliches Argument: wenn schon eine eigene religiöse
Erziehung, so kann das nicht für alle Schüler gelten: denn,
Pluralität der Religionen, und Freiwilligkeit dieses Unterrichts;
das aber hat zur Folge eine Spaltung der Schülerschaft, und bedroht
so die im Pluralismus nötige Integration und den Zusammenhalt;
weshalb also nicht eine einheitliche moralische Erziehung für
alle?
- religionspädagogisches und pastorales Argument: religiöse
Erziehung ist von sich aus nur sinnvoll, und wirksam, wenn sie in
einer religiösen, kirchlichen Gemeinschaft geschieht.
PRO
- zuerst: selbe Antworten wie zu Punkt 1
- Schule hat den Schüler ais ganzen auszubilden, muss deshalb
eine ganzheitliche Bildung und Ausbildung gewährleisten,
also auch eine religiöse Erziehung, zumindest für die Schüler,
die das wünschen
- das Spaltungsargument beruht auf einem Denkfehler: es verlangt,
genau gesehen, dass ein wichtiger Aspekt der Identität der Schüler
außen vor bleibt, und entspricht der Auffassung von Toleranz
ais Meinungslosigkeit. Integration und Zusammenhalt in einer pluralistischen,
multikulturellen heterogenen Gesellschaft ist immer die Einheit von
bleibend verschiedenen Menschen. Gewiss: es gibt einen minimalen gemeinsamen
Nenner und deshalb einen Konsens. Aber, es bleibt das Problem der
bleibenden Verschiedenheit, die auszuhalten ist.
Deshalb: Verschiedenheit und Andersheit müssen thematisiert werden,
ihre Annahme oder Anerkennung muss eingeübt werden.
Die notwendige Toleranz setzt voraus, dass man eine starke Identität
hat; die muss auch gefordert werden.
Einwand: Ist das alles nicht am besten erlernbar in
einem gemeinsamen Moralunterricht?
Antwort:
- das wäre keine schlechte Lösung, aber nur die zweitbeste
- denn sie setzt voraus, was eigentlich erst zu erbringen ist: die
vorhin geforderte weltanschaulich-moralische Identität; sonst
kommt die Andersheit des Andern, um die es geht, nicht zum Vorschein
und echtes Zusammenleben kann nicht eingeübt werden.
Deshalb:
- gesonderte Religionserziehung bzw. von andern Weltanschauungen
- daneben: die Schüler sind in den andern Fächern ja zusammen;
zur Einübung des Zusammenlebens von verschiedenen Schülern
ist das aber ungenügend, da das Problem nicht (genug) thematisiert
ist(moralische und religiöse Erziehung dürfen nicht nur
Unterrichtsprinzip sein)
- zusätzlich: gemeinsame Veranstaltungen der verschiedenen 'familles
spirituelles': Diskussionen, gemeinsame Projekte usw.

III. Religionsunterricht in der öffentlichen
Schule
Moralerziehung erfordert, in der Schule, einen Moralunterricht,
nur so ist sie schulgerecht. Ebenso: religiöse Erziehung erfordert
einen Religionsunterricht.
CONTRA
- cf Einwände gegen religiöse Erziehung in der Schule
- cf Einwände gegen moralische Erziehung in der Schule
- zusätzliches Argument: die Schule ist sowieso schon übermäßig
intellektuell, zerebral, kopflastig; das ist besonders unangemessen
für Religion und religiöse Erziehung, denn so wird Religion
reduziert auf Glauben im Sinne der fides quae(Glaubensinhalte)
PRO
- cf Antworten auf Einwände gegen religiöse und moralische
Erziehung
- Antwort auf das zusätzliche Argument:
- man muss zugeben, es handelt sich hier um eine echte Gefahr
für die Schule überhaupt, und die Religion im besonderen
- aber: diese Gefahr kann erkannt, und ihr kann begegnet werden(sowohl
was die Schule überhaupt anbelangt, wie auch die Religion)
obwohl:
- Unterrichtsgestaltung
- Programm
- (schulische und außerschulische) Projekte
- aber in der postprimären Schule kommt noch ein anderer
Gesichtspunkt zum Tragen: hier ist es angebracht, das kognitive
und, innerhalb davon das reflexive, Moment des Glaubens zu verstärken:
- nicht Glaubensinhalte lernen
- = Glauben, als fides quae und als Haltung und Praxis
- kennen lernen
- befragen, diskutieren, sich bewusst machen.
Das ist überaus wichtig für einen reifen, erwachsenen Glauben.
In diesem Zusammenhang noch ein anderer Aspekt der Frage: wie steht
der Religionsunterricht (RU) zum Ethikunterricht (EU) und zum Philosophieunterricht
(PhU)?
These: es handelt sich hier um drei verschiedene Dinge,
die eigene Zielsetzungen haben und nicht austauschbar sind
(RU) – (EU):
- überschneiden sich zum Teil in der Thematik, insofern auch RU
ethische Fragen behandelt
- aber das geschieht in einem andern Gesamtkontext und (deshalb) unter
andern Gesichtspunkten
aber: sollte der RU einmal aus der Schule verschwinden, wäre ein
EU für alle das kleinere Übel
RU - PhU: hier hängt vieles ab vom Konzept von Philosophie wie
auch vom Konzept vom Philosophieunterricht
- wenn Philosophie = Quelle von Weisheit, dann große Nähe
- wenn Philosophie = Kritik von Weisheit, dann durch und durch reflexiv,
und somit völlig von RU verschieden (Inhalt, Zielsetzung, Methode)

IV. Schlussfolgerung
- Erziehung in der Schule = für die pluralistische Gesellschaft
lebensnotwendig:
- Zusammenhalt
- Einhaltung der Gesetze (Strafandrohung + genügend)
- Erziehung in der Schule geschieht auf vielfältige Weise: unthematisch
durch Schulordnung, moralische Atmosphäre usw., thematisch durch
Erziehung als Unterrichtsprinzip und/oder ais Inhalt eigenen Unterrichts(EU
und RU)
- umgekehrt: Erziehung ist nicht in jeder Schule möglich, deshalb
Forderung nach dementsprechender (Um)Gestaltung der Schule. Erziehung
ist nicht zum Nulltarif erhältlich.

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