| Thierry
Origer |
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Der (radikale) Konstruktivismus geht davon aus, dass jeder Mensch ein autonomes, strukturdeterminiertes Wesen ist. Dadurch wird die Möglichkeit einer objektiven Erkenntnis von Wirklichkeit im Sinne einer 1:1-Entsprechung in Frage gestellt (wobei nicht die Nichtexistenz einer objektiven Realität, sondern lediglich die Möglichkeit deren objektiven Erkenntnis behauptet wird). Aus der Überzeugung heraus, dass die Konstruktion von Wirklichkeit in hohem Maße subjektabhängig ist, äußert der Konstruktivismus eine grundsätzliche Skepsis gegenüber Wahrheitsansprüchen. Da der Konstruktivismus mittlerweile zu einem „Mainstream“ im wissenschaftlichen Diskurs avanciert ist, darf auch die Theologie sich ihm nicht verschließen. Zwischen Konstruktivismus und Theologie gibt es etliche Anknüpfungspunkte – unter der Bedingung, dass Letztere nicht als „Sprachrohr“ des katholischen Lehramtes im Sinne einer positivistischen Disziplin, sondern als Metatheorie, d.h. als Beobachtung einer zweiter Ebene, die sich von der Ebene des religiösen Vollzugs grundsätzlich unterscheidet, verstanden wird. Darüber hinaus würde eine Öffnung der Theologie gegenüber dem Konstruktivismus der Theologie einen wichtigen apologetischen Dienst leisten und ihren Platz im wissenschaftlichen Fächerkanon legitimieren. Die Ernstnahme der konstruktivistischen Thesen bleibt nicht folgenlos
für Seelsorge und Religionspädagogik. Wenn der Mensch als
autopoietisches System Konstrukteur seiner Wirklichkeit ist, muss auch
der Seelsorger bzw. der Religionspädagoge den Menschen als Konstrukteur
seiner Religiosität bzw. Spiritualität ernst nehmen. Auch
die Frage der Abschaffung des konfessionellen Religionsunterrichts und
der Einführung eines „bekenntnisfreien“ Werte- und
Weltanschauungsunterrichts erscheint aus konstruktivistischer Sicht
in neuem Licht. Wenn es zutrifft, dass der Mensch weniger beeinflussbar
ist als bisher angenommen, sondern immer im Sinne seiner bereits vorhandenen
eigenen kognitiv-somatischen Struktur reagiert, müssen wir die
Gültigkeit eines klassisches Axioms der Religionspädagogik
in Frage stellen, das besagt, dass der Schüler nur dann seinen
ethischen, spirituellen und religiösen Standpunkt konstruieren
kann, wenn der Religionslehrer „fest im Glauben steht“,
so dass der Schüler sich an der Positionalität des Lehrers
„reiben“ kann. Unsere Feststellung lautet, dass die Frage
„Einheitlicher Werte- und Weltanschauungsunterricht oder konfessioneller
Religionsunterricht?“ sich aus konstruktivistischer Sicht nicht
eindeutig beantworten lässt, dass es letztlich aber auch weniger
entscheidend ist als gemeinhin angenommen, ob der Schüler seine
Weltanschauung mithilfe eines konfessionellen oder mithilfe eines bekenntnisfreien
Unterrichts konstruiert. Entscheidend ist vielmehr, wie der Religionsunterricht
– sei er nun „bekennend“ oder „bekenntnisneutral“
–, konzipiert ist, oder, konstruktivistisch-didaktisch gesprochen,
mit welchen „Perturbationen“ der Schüler |
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