Thierry Origer
professeur au
Lycée technique
Josy Barthel Mamer

Konstruktivismus, Theologie und Wahrheit

Sind Konstruktivismus und Theologie miteinander vereinbar?, Luxemburg, 2007, 112 S.


ZUSAMMENFASSUNG

Der (radikale) Konstruktivismus geht davon aus, dass jeder Mensch ein autonomes, strukturdeterminiertes Wesen ist. Dadurch wird die Möglichkeit einer objektiven Erkenntnis von Wirklichkeit im Sinne einer 1:1-Entsprechung in Frage gestellt (wobei nicht die Nichtexistenz einer objektiven Realität, sondern lediglich die Möglichkeit deren objektiven Erkenntnis behauptet wird). Aus der Überzeugung heraus, dass die Konstruktion von Wirklichkeit in hohem Maße subjektabhängig ist, äußert der Konstruktivismus eine grundsätzliche Skepsis gegenüber Wahrheitsansprüchen. Da der Konstruktivismus mittlerweile zu einem „Mainstream“ im wissenschaftlichen Diskurs avanciert ist, darf auch die Theologie sich ihm nicht verschließen.

Zwischen Konstruktivismus und Theologie gibt es etliche Anknüpfungspunkte – unter der Bedingung, dass Letztere nicht als „Sprachrohr“ des katholischen Lehramtes im Sinne einer positivistischen Disziplin, sondern als Metatheorie, d.h. als Beobachtung einer zweiter Ebene, die sich von der Ebene des religiösen Vollzugs grundsätzlich unterscheidet, verstanden wird. Darüber hinaus würde eine Öffnung der Theologie gegenüber dem Konstruktivismus der Theologie einen wichtigen apologetischen Dienst leisten und ihren Platz im wissenschaftlichen Fächerkanon legitimieren.

Die Ernstnahme der konstruktivistischen Thesen bleibt nicht folgenlos für Seelsorge und Religionspädagogik. Wenn der Mensch als autopoietisches System Konstrukteur seiner Wirklichkeit ist, muss auch der Seelsorger bzw. der Religionspädagoge den Menschen als Konstrukteur seiner Religiosität bzw. Spiritualität ernst nehmen. Auch die Frage der Abschaffung des konfessionellen Religionsunterrichts und der Einführung eines „bekenntnisfreien“ Werte- und Weltanschauungsunterrichts erscheint aus konstruktivistischer Sicht in neuem Licht. Wenn es zutrifft, dass der Mensch weniger beeinflussbar ist als bisher angenommen, sondern immer im Sinne seiner bereits vorhandenen eigenen kognitiv-somatischen Struktur reagiert, müssen wir die Gültigkeit eines klassisches Axioms der Religionspädagogik in Frage stellen, das besagt, dass der Schüler nur dann seinen ethischen, spirituellen und religiösen Standpunkt konstruieren kann, wenn der Religionslehrer „fest im Glauben steht“, so dass der Schüler sich an der Positionalität des Lehrers „reiben“ kann. Unsere Feststellung lautet, dass die Frage „Einheitlicher Werte- und Weltanschauungsunterricht oder konfessioneller Religionsunterricht?“ sich aus konstruktivistischer Sicht nicht eindeutig beantworten lässt, dass es letztlich aber auch weniger entscheidend ist als gemeinhin angenommen, ob der Schüler seine Weltanschauung mithilfe eines konfessionellen oder mithilfe eines bekenntnisfreien Unterrichts konstruiert. Entscheidend ist vielmehr, wie der Religionsunterricht – sei er nun „bekennend“ oder „bekenntnisneutral“ –, konzipiert ist, oder, konstruktivistisch-didaktisch gesprochen, mit welchen „Perturbationen“ der Schüler
konfrontiert wird.