Was sagen die Evangelisten zur Geburt Jesu?

In unseren Krippendarstellungen vermischen wir die Kindheitsevangelien nach Mt und Lk mit nichtbiblischen Legenden der Apokryphen.

Mt: Engel zu Josef - Stern - Sterndeuter - Kindermord - Flucht nach Ägypten
Lk: Engel zu Maria - Krippe - Hirten

--> Weihnachtskrippe: Theologie - Volkskunde

Matthäus und Lukas:
Nicht erst bei seinem Tod, sondern bereits bei seiner Geburt erweist sich Jesus als Sohn Gottes. Die jungfräuliche Geburt Jesu sagt weniger über Maria (und gar nichts über ihr Sexualleben mit Josef), mehr aber über Jesus aus: Er ist der Sohn Gottes. In den jeweils beiden ersten Kapiteln erzählen das Mt-Evangelium und das Lk-Evangelium sehr unterschiedlich von der Geburt Jesu.

Für Matthäus (~80 n. Chr.) ist Jesus der neue Moses, der bei seiner Geburt schon die Geschichte Israels zusammengefaßt erlebte (Flucht nach und Befreiung aus Ägypten). Jesus reiht sich in die Geschlechterfolge Israels: Abraham - David - Josef.

Gerade dieser Josef, typisch Mann (!?), wollte sich von seiner schwangeren Freundin "in aller Stille" trennen, weil er ja "gerecht war und sie nicht bloßstellen wollte". Doch der Engel wie ihn auf seine Verantwortung hin.

Matthäus schreibt für Christen, die zuvor Juden waren. Die Juden erkennen ihn nicht, aber nichtjüdische Gelehrte (Sterndeuter) erkennen, dass der „ganze Himmel“ von ihm spricht. König Herodes wollte ihn gar umbringen: ein Parallelismus zur Geburt Mose und eine Vorankündigung seiner Hinrichtung.

Für Lukas (~90 n. Chr.) ist Jesus größer und außergewöhnlicher als Johannes der Täufer, der religiöse Star seiner Zeit.

Der Engel Gabriel verkündet Zacharias, dass Gott ihm und seiner Frau Elisabeth noch in hohem Alter einen Sohn schenkt: Johannes der Täufer. Zacharias will dies nicht glauben und so verstummt er.
Der Engel verkündet auch Maria, dass Gott ihr ein Sohn geschenkt wird. Sie ist bereit, Gott in ihr Leben aufzunehmen und lobt Gott im Magnificat: in Jesus wird der Sohn Gottes geboren.

Lukas schreibt an Christen, die zuvor keine Juden waren und die Geschichte Israels kaum kannten. Gott teilt sich durch unbedeutende Menschen mit und seine Menschwerdung geschieht im Abseits (Krippe). Die Armen (Hirten) und Alten (Simeon und Hanna) erkennen ihn zuerst. Sein Stammbaum (Lk 3,23-38 anders als bei Mt): Josef - David - Abraham - Adam - "der stammt von Gott".


Markus (~70 n. Chr.)

Mk berichtet nicht über die Geburt und die Jugend Jesu. Erst im Tod und in der Auferstehung erweist sich Jesus als Gottes Sohn. Während des öffentlichen Lebens Jesu, das mit der Taufe im Jahre 27/28 n. Chr. begann, erkannten nur wenige, das was bei seiner Taufe geschah: "Eine Stimme aus dem Himmel sprach: Du bist mein geliebter Sohn..." (1,11)
Mk lässt dies am Ende seines Evangeliums von einem Römer bestätigen und verkünden: "Als der Hauptmann, der Jesus gegenüberstand, ihn auf diese Weise sterben sah, sagte er: Wahrhaftig, dieser Mensch war Gottes Sohn." (15,39)


Johannes (~100 n. Chr.):

Für Johannes wird Jesus nicht erst Gottes Sohn in der Taufe (wie bei Mk), er ist auch nicht Sohn Gottes seit seiner Geburt (wie für Mt und Lk).

Für Johannes war der Sohn Gottes längst vor der Geburt Jesu.

In der Person Jesus ist das Wort Gottes Mensch geworden. "Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und das Wort war Gott. (...) Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt." ( 1,1.14)

 

Jean-Louis Gindt