FÜRCHTET EUCH NICHT!

Weihnachtspredigt am Heiligabend 2004 von P. Dr. Jean van Osch SMM

Liebe Mitchristen,

wenn der Mensch Gott nicht mehr fürchtet, schreckt er vor keiner Unmenschlichkeit zurück. Die atheistischen Ideologien des 20. Jahrhunderts und die allzu „theistischen“ Ideologien des 21. Jahrhunderts zeigen es überdeutlich.

„Gottesfurcht“

Von dem Moment an, da der Nationalsozialismus eine Ideologie und somit eine „Religion ohne Gott“ wurde, erlaubte er sich die schrecklichsten Untaten und Verbrechen gegen die Menschlichkeit: Völkermord und Tötung unwerten Lebens wie z.B. geistig behinderte und durch Krankheit und Alter hilflose Menschen. Auch der Kommunismus hat den Menschen als Mittel zum Staatszweck mißbraucht und somit als Person degradiert. Wo der Mensch Gott nicht mehr fürchtet und sich erdreistet, selbst Gott zu spielen, haben wir erst recht allen Grund, uns zu fürchten, und zwar voreinander!
Aber auch die sogenannten Gottesfürchtigen können anderen das Fürchten lehren! Die Anhänger einer Religion können Gott so „fürchten“, dass sie sich selber stark genug fühlen, um über ihre Mitmenschen, die nicht auf der Seite ihres Gottes stehen oder die anders an Gott glauben, zu urteilen, was dann meistens zu ihrer Verurteilung in irgendeiner Form führt bis hin zur gewaltsamen Bekämpfung, ja zur Ermordung.

Vor diesem Hintergrund bekommt die „Beschwichtigungsformel“: „Fürchtet euch nicht!“, mit der der Engel das Erscheinen Gottes in Jesus verkündet, ihre besondere Wichtigkeit und eigene Brisanz.

Keine Angst vor Gott

„Fürchtet euch nicht, denn ich verkünde euch eine große Freude.“ (Lk 2, 10)
Tatsächlich ist dies doch d i e große Freude der Weihnacht, dass Gott so ist, dass wir uns nicht vor ihm zu fürchten brauchen! Das göttliche Kind in der Krippe beweist überzeugend, dass Gott anders ist als die meisten Menschen, gerade auch die religiösen Menschen ihn erwartet hatten und immer wieder erwarten. Darum spricht die Weihnachtsbotschaft, so wie Lukas sie erzählt, uns auch so an. Das göttliche Kind in seiner Wehrlosigkeit spricht für sich selbst!

Doch sollten wir uns davor hüten, diese Offenbarung der Herrlichkeit Gottes in einem wehrlosen Kind, vor dem wir nun wirklich keine Angst zu haben brauchen, zu verniedlichen und somit zu entkräften!

Ernst zu nehmende Liebe Gottes

Wir dürfen nicht vergessen, dass dieses Kind - erwachsener Mann geworden - eine Botschaft über Gott gebracht hat, in Wort und Tat. Eine Frohbotschaft zwar, aber auch eine ernst zu nehmende Botschaft, die uns selbst in die Pflicht nimmt, nachdem sie ihn, Jesus selbst, ans Kreuz gebracht hatte. Sie passte ja so gar nicht hinein weder in die politische noch auch in die religiöse Landschaft seiner Zeit; ebenso wenig wie in die unsrige.
Es ist die Botschaft, dass Gott Liebe ist, die sich selbst mitzuteilen bereit ist, wenn es darum geht, die Menschheit zu befreien aus allem, was menschliche Lieblosigkeit, Hass, Neid, Egoismus, Profitdenken an Unfreiheit und Elend aufgebaut haben. So sollten wir Menschen eine Gemeinschaft werden, in der keiner sich mehr vor den anderen fürchten muss: das Reich Gottes, jene Gemeinschaft von Menschen, in der die Liebe Gottes so zentral steht, dass Gerechtigkeit und Friede dauerhaft möglich werden.

Zunächst ist dies eine gute, ja froh machende Botschaft für uns, die wir doch alle zugeben müssen, dass wir nicht ganz frei vom Egoismus sind. Gott setzt uns in seiner vorbehaltlosen Liebe offenbar nicht unter Druck. Der in Jesus aus Liebe Mensch gewordene Gott offenbart ja, dass Er in dieser Liebe weiterhin ‘Gott mit uns’ sein will, sehr real und konkret: sein Geist in uns, in jedem Menschen, der uns mehr als nur blutsverwandt, geistesverwandt unter einander macht. Doch kann dies alles nur Wirklichkeit werden, wenn wir seinen Geist der Liebe in uns hinein und somit durch uns wirken l a s s e n. Dann erst kann Gott uns von innen heraus befreien vom Egoismus und öffnen für die Liebe, so wie Er sie versteht: eine Liebe, die mehr will als einen „Garten der Menschlichkeit“ nach dem Muster des Badeortes Belek in Anatolien in der Türkei. Dort stehen drei Gotteshäuser friedlich nebeneinander: eine Synagoge, eine Kirche und eine Moschee für mögliche Touristen. Es ist auch eine Liebe, die mehr bewirkt als eine romantische Völkerverständigung, die à la „multi kulti“ es nicht weiter bringt als zu einem toleranten Nebeneinander. Im Grunde wird der andere in seiner Eigenheit und besonders in seiner religiösen Überzeugung und seinen eigenen Problemen dann doch nicht wahrhaft ernst genommen, so dass man selbst bereit wird, sich uneigennützig für Gerechtigkeit und Frieden für alle einzusetzen.

Toleranz ohne Gott?

Es sind vor allem die westlich orientierten Länder in Europa, die Toleranz, auch religiöse Toleranz, einfordern. Aber wie kann dies gelingen, wenn man von vorne herein Gott sozusagen außen vor lässt?!
Was auch immer die historischen Gründe zu der Entchristlichung Europas sind (vielleicht hat auch die Kirche als institutionelle Macht in der Vergangenheit dazu beigetragen), aber zivilisatorisch wird Europa immer mehr eine Gesellschaft ohne Gott. Ich stimme hier Joseph Kardinal Ratzinger zu, wenn er in einem Interview, neulich erschienen in ‘Die Welt’, behauptet: „Von einer christlichen Kultur sind wir zu Kultur eines aggressiven Säkularismus übergegangen mit recht intoleranten Zügen... Der Laizismus ist nicht mehr jenes Element der Neutralität, das Räume der Freiheit für alle öffnet. Er beginnt nun, sich in eine Ideologie zu verwandeln, die sich mit Hilfe der Politik in den öffentlichen Raum drängt und keinen Raum mehr für die christliche und katholische Vision übrig lassen will.“
Tatsächlich, Religion, ob es sich nun um das Christentum oder den Islam handelt, wird höchstens noch geduldet, toleriert als Privatangelegenheit. Das Verbannen der Kruzifixe aus den öffentlichen Gebäuden und das rigorose Kopftuchverbot begegnen sich hier!

Moral ohne Religion - ein Torso

Dass bestimmte Fundamentalisten im Islam die Religion so politisieren, dass sie überall Gottesstaaten errichten wollen, soll uns nicht dazu verführen, Gott überhaupt aus dem Leben der Gesellschaft zu verbannen. Dann verfallen wir wieder in die Fehler der Ideologien des letzten Jahrhunderts, die Gott nicht mehr fürchteten und selbst eine Religion ohne Gott wurden. Uns bedroht heute die Ideologie des Rationalismus, nach dem die wichtigsten Probleme des Lebens: Geburt und Sterben, Gerechtigkeit und Frieden, Umgang mit der Natur nur mit der wissenschaftlichen Vernunft zu lösen sind; auf jeden Fall ohne irgendeinen Einfluss einer Religion. Zwar wird krampfhaft nach einem Wertekatalog gesucht, der die Moral begründen soll. Ob das je gelingen wird, solange Gott dabei höchstens am Rande, für das Privatleben toleriert wird?!... .

Eine offene Frage, die ich im Hinblick auf die Vergangenheit mit Nein zu beantworten geneigt bin. Mit den Worten Ratzingers ausgedrückt: „Mir scheint hingegen notwendig, wieder neu zu entdecken, dass auch die politische und ökonomische Sphäre eine moralische Verantwortlichkeit brauchen, die dem Herzen des Menschen entspringt und sich in letzter Instanz damit auseinander setzt, was es mit der Anwesenheit oder Abwesenheit Gottes auf sich hat in der Welt. Eine Gesellschaft, wo Gott absolut abwesend ist, zerstört sich selbst.“

Mensch werden im Geiste Gottes

„Fürchtet euch nicht. Denn ich verkünde euch eine große Freude, die dem ganzen Volk zuteil werden soll.“ (Lk 2, 10)
Dem g a n z e n Volk! Also der Menschheit, für die Gemeinschaft aller Menschen, nicht nur für die Privatstube eines Individuums....

Liebe Mitchristen, ich bin der Überzeugung: wenn wir als Christen unseren Glauben an Gott im Geiste seiner Menschwerdung leben; wenn wir also im Geiste eines vorbehaltlosen Respektes vor der Freiheit eines jeden Menschen die christliche Botschaft verkünden in Wort und Tat; wenn wir also das Evangelium Jesu praktizieren in der Kraft einer Liebe, die - wie Gott - geduldig, beharrlich und gewaltlos zugleich ist, und zwar konkret: politisch, ökonomisch, existentiell, dann bräuchte die säkularisierte Welt keine Angst mehr vor Gott zu haben. Sie würde merken, dass unser christlicher Beitrag der Entfaltung des Menschen nur zu Gute kommt.
Wer weiß, werden dann auch einmal die bis jetzt noch zu Gewalt bereiten Mitgläubigen in anderen Religionen auf diese Weise es einmal positiv zu schätzen wissen, dass Gott kein Kriegsherr ist, wenn sie sehen, dass wir ihre Probleme zu lösen versuchen in der Kraft eines Gottes, der seine kreative Liebe durch ein wehrloses Kind offenbaren wollte.

Ich wünsche uns allen den Glauben der Hirten in Betlehem, die Gott gefunden haben in einem Kind, das bloß in Windeln gewickelt war. Denn so ein ‘Gott mit uns’ spricht tatsächlich für sich!

AMEN!