Zwischenruf

Die Theologen sollen mitreden!

Mit freundlicher Genehmigung des Autors
in: nos cahiers, Lëtzebuerger Zäitschrëft fir Kultur,
3, 2005, numéro spécial 25 ans

Manchmal ist man froh,
dass manche der Ewiggestrigen
unter den Jüngeren
noch ein paar Fragen haben. (1)

(Hans Magnus Enzensberger)

Es steht schlecht um die gesellschaftliche Akzeptanz theologischen Denkens. Wie der religiöse Glaube in die Privatsphäre verdrängt wird, so wird auch die Theologie immer mehr im öffentlichen Diskurs ausgeklammert. Schon wird von der "nachtheologischen Zeit" gesprochen! Selbst Theologen igeln sich manchmal gerne ein und widmen sich einem Denken, das zwar Glauben begründet und die Gläubigen zu stärken sucht, sich gesellschaftlichen Implikationen jedoch entzieht.

Dennoch gibt es Nischen, in denen sich die Theologie öffentlich artikulieren darf. So gibt es Meditatives in Zeitung und Radio, Anlehnungen an die katholische Soziallehre in der einen oder anderen politischen Frage und gelegentlich moraltheologische Stellungnahmen zu aktuellen Problemen.

Als symptomatisch für die abnehmende Bedeutung der Theologie und den Trend, sie auf ein Abstellgleis zu schieben, darf die seit Jahren in unseren Sekundarschulen feststellbare Entwicklung angesehen werden. Der Religionsunterricht (in Luxemburg, A. d. R.) ist immer wieder gekürzt worden und wird in nicht allzu ferner Zukunft durch einen allgemeinen Werteunterricht ersetzt werden. Theologisches Denken wird, falls dann überhaupt noch von theologischem Denken gesprochen werden kann, nur noch den Grundschulkindern als Angebot erhalten bleiben, frei nach der Theorie des Auguste Comte, dass Religion etwas für die Kindheit sei. Der erwachsene Mensch braucht, nach dieser Auffassung, weder Religion noch theologisches Denken. Allenfalls lässt man Theologie noch auf dem Gebiet der Moral gelten, da hier die Orientierungslosigkeit, angesichts der rasanten Entwicklung im medizinischen und gentechnischen Bereich, besonders groß ist und da ja auch der große Aufklärer Kant der Religion auf ethischer Ebene eine gewisse Berechtigung zuerkannt hat.

Natürlich kann eine Gesellschaft auf die Theologie verzichten; sie kann allerdings auch, besonders wenn Pluralismus nicht nur ein Schlagwort ist, Theologie zulassen und Gewinn daraus ziehen. "Auch die moderne Gesellschaft kann mindestens erkennen, dass ihr Theologie bei der Aufklärung über sich selbst, ihre Herkunft und – bei der Bewältigung ihrer Lebens- und Gestaltungsprobleme – ihre Gegenwart und Zukunft 'nützlich' sein kann," meinte Karl Lehmann (2) einmal und verwies auf "die Grundwerte, die alle miteinander verbinden". Die Theologie habe hier "– gewiss nicht allein – die Aufgabe, die Frage nach dem Woher und Wohin, dem Ganzen und dem Sinn von Welt und Geschichte offenzuhalten und so auch die Spur für einen Zugang zu Gott freizuhalten". Zu nennen wären viele andere Themen und Probleme: die Vermittlung zwischen den Kulturen, der Mensch als Person und als Wesen der Transzendenz, die Frage nach dem geglückten Leben, Schuld und Vergebung, dialogische Konfliktbewältigung, Sterbebegleitung. Immerhin handelt die Theologie christlicher Prägung, von der hier besonders die Rede ist, von Fragen, die alle Menschen betreffen und denen niemand ausweichen kann.

Die Aufgabe der Theologie liegt aber noch auf einem anderen Gebiet. Sie hätte, aufgrund ihrer Kompetenz, in unserer Gesellschaft durchaus eine analysierende und aufklärerische Funktion bei der Deutung der "stummen Sprache" (Edward T. Hall) unserer Kultur. Da gibt es doch unter den Menschen Anzeichen, die auf eine Sehnsucht nach "Heil" und "Erlösung" verweisen; da gibt es, in der modernen liberalen Öffentlichkeit und Politik, "stumme" Theologien und implizite Dogmen. Diesen stummen Sprachen eine Stimme zu verleihen, die modernen "weltlichen" Dogmen zu entlarven und die Konsequenzen zu bedenken, das wäre ein wichtiger Beitrag der Theologie in einer multikulturellen Welt.

Auch angesichts mancher fragwürdigen und abenteuerlichen Entwicklungen im religiösen und pseudoreligiösen Bereich, wo dann allzu oft nur eigene, egoistische Interessen verfolgt werden, das Gemeinwohl aber keine Rolle mehr spielt und gelegentlich sogar fanatische Ausbrüche verheerende Folgen zeitigen, könnte die Theologie ihre mahnende und warnende Stimme rechtzeitig erheben.

Clemens Sedmak, der eine Standortbestimmung der Theologie in nachtheologischer Zeit unternimmt, zeigt darüber hinaus auf, wie theologisches Denken dazu beitragen kann, Vorurteile und Abhängigkeiten auf dem Weg des Erkennens zu überwinden. Es sind, seiner Meinung nach, vor allem zwei Perspektiven der Theologie, die "uns helfen, Dinge an den rechten Platz zu setzen: Leben im Angesicht des Todes und Leben im Angesicht Gottes" (3). Angesichts des Todes relativieren sich viele Dinge. Da erkennt der Mensch oft leicht, was wesentlich, bedeutsam und wichtig ist und was an Wert und Gewicht verliert. Ähnlich verhält es sich mit einem Leben im Angesicht Gottes. Auch hier relativiert sich vieles. Wer lebt, als ob es Gott gäbe, gewinnt eine neue Perspektive auf die Welt als ganze, auf das Leben und auf die Menschen.

Wer dann noch, wie Eugen Biser dies tut, das Christentum nicht zuerst als eine moralische Religion versteht, sondern als eine "therapeutische, auf die Heilung des todverfallenen und angstgepeinigten Menschen" (4) angelegte Religion, der wird von der Theologie eine besondere Ermutigung zum Leben erwarten dürfen. Auf jeden Fall wird man durch solch theologisches Denken neu auf die "Verwandlungskraft der Liebe", jenem "Urakt aller Kultur", verwiesen.

Anregungen könnte die Theologie somit auf vielfältige Art und Weise geben. Eine kleine Kostprobe theologischen Denkens soll daher hier illustrieren, wie kritisch und provokativ Theologie sein kann und welche Impulse zum Nachdenken sie liefern kann. Da heißt es z.B. bei Józef Niewiadomski, dem Mitbegründer einer neuen, dramatischen Theologie: „Der biblische Glaube verschließt die Augen nicht vor der Tatsache, dass wir alle Opfer produzieren, auch wenn wir nach bestem Wissen und Gewissen handeln; mehr noch, dass wir eigenes Versagen und eigene Schuld permanent auf solche Opfer abwälzen und so auf Kosten der Sündenböcke leben. Diese Tradition hofft aber auf einen Gott, der solche Tatsachen zwar nicht ungeschehen macht, sie aber verwandelt. Nicht als deus ex machina. Nein: Indem er selber einer von den Schwachen wird, indem er das Leiden bis hin zur tiefsten Verzweiflung erfährt, zeigt er, dass auch diese Wege menschlicher Erfahrung nicht jenseits seiner Liebe zum Leben liegen und nicht unbedingt in der Isolation enden müssen. Mehr noch: dass gerade aus der Erfahrung des Leidens und der Erfahrung der Schwäche und der Not heraus Beziehungen geknüpft werden, die stärker sind als der Tod.“ (5)

Falls Theologie wieder eine größere öffentliche Bedeutung gewinnen soll, müssen allerdings auch die Voraussetzungen auf Seiten der Theologen stimmen. Die haben dann resignative Tendenzen zu überwinden, dürfen theologisches Denken nicht nur an kirchliche Amtsinhaber delegieren und müssen sich, im Geiste des Zweiten Vatikanischen Konzils, verstärkt am gesellschaftlichen Dialog beteiligen. Theologie hat dabei Rechenschaft über die christlichen Überzeugungen abzulegen; sie muss dies aber rational begründen und auf Besserwisserei oder Bevormundung verzichten. Konsequent und offensiv sollen die Theologen darlegen, was Theologie zur Bewältigung heutiger Lebensprobleme zu leisten vermag und welchen Dienst Theologie der wissenschaftlichen Gemeinschaft und der sozialen Welt erweisen kann. Im Blick auf die Gottesfrage, im Blick auf das beispielhafte Leben Jesu und im Blick auf den eigenen, reichen, jahrhundertealten Erfahrungsschatz, der sowohl durch geglückte und faszinierende kollektive Erlebnisse als auch durch Irrwege und schmerzvolle Erkenntnisse erworben wurde, kann die Theologie einen wertvollen Beitrag zur Kunst des Lebens leisten. Sie kann dies tun jenseits von heute häufig anzutreffenden Haltungen wie Indifferenz oder Zynismus; sie kann es vor allem auch tun als Ergänzung zu allen Philosophien, die Verantwortung übernehmen auf jenen Ebenen, denen derzeit allergrößte Bedeutung zukommt, der ökologischen und der humanistischen.

Insofern gilt, im Sinne eines Zwischenrufes: Die Theologen mögen sich zu Wort melden! Die Öffentlichkeit ihrerseits wäre gut beraten, zu hören und zu bedenken, was die Theologen zu sagen haben.

Guy Weirich

Guy Weirich, Jahrgang 1949, studierte Theologie und Germanistik in Innsbruck und ist Lehrer am Athenäum in Luxemburg.

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(1) Enzensberger, Hans Magnus: Immer kleiner werdende Unterhaltungen, in: Die Geschichte der Wolken, Frankfurt am Main 2003, S.62

(2) Zitiert nach: http://www.kath.de/bistum/mainz/bischof/Lehmann/Leh-theol99.htm

(3) Sedmak, Clemens: Theologie in nachtheologischer Zeit, Mainz 2003, S. 133

(4) Zitiert nach: http://www.eugen-biser-stiftung.de/nachricht.html?Cnachricht_id=3;Cmenue_id=34

(5)Niewiadomski, Józef: Herbergsuche. Auf dem Weg zu einer christlichen Identität in der modernen Kultur, Münster 1999, S. 83.

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